Charta der DFG

deutschfrancais

Aktuell gibt es drei Deutsch-Französische Gymnasien: Saarbrücken (seit 1961), Freiburg i.Br. (seit 1972) und Buc (seit 1975). Eine vierte Schule dieses Typs in Hamburg ist derzeit in der Gründungsphase und wird zum Schuljahr 2020/21 eröffnet.

Die Gründung binationaler Schulen wurde im Elysée-Vertrag 1963 angekündigt und konkretisierte sich durch die Einführung eines deutsch-französischen Abiturs am 10. Februar 1972. Die Bedingungen und Regelungen zum Erwerb des deutsch-französischen Abiturs wurden 2002 im Schweriner Vertrag festgeschrieben. Der Aachener Vertrag vom 22. Januar 2019 bestätigt den Willen beider Länder, die bilaterale Zusammenarbeit im Bildungsbereich zu intensivieren.

Die DFGen sind öffentliche Schulen des jeweiligen Sitzlandes mit jeweils einer deutschen und einer französischen Abteilung, wobei bereits in der Mittelstufe in den Sachfächern zum Teil in der Sprache des jeweiligen Partnerlandes unterrichtet wird. Mittlerweile haben sich die DFGen zu Schulen entwickelt, in denen Schülerinnen und Schüler der verschiedensten Erstsprachen sowohl in deutscher als auch in französischer Sprache unterrichtet werden.

Deutsche und französische Schülerinnen und Schüler lernen und arbeiten mit deutschen und französischen Lehrkräften, wobei der Unterricht in der Sprache und der Unterrichtskultur der jeweiligen Lehrperson erfolgt. Ab der Klassenstufe 10 (Seconde) verteilen sich die Unterrichtssprachen gleichmäßig, sodass etwa die Hälfte des Unterrichts in französischer und die andere Hälfte in deutscher Sprache stattfindet. Auch in der schriftlichen und mündlichen Abiturprüfung verteilen sich die Sprachen gleichmäßig.

Zur Laufbahn eines jeden Schülers / einer jeden Schülerin eines Deutsch-Französischen Gymnasiums gehört die Förderung der Mobilität. Dies wird durch diverse Austausch- und Begegnungsprogramme sichergestellt: individuelle Austausche, Partnerschaften mit Schulen im Ausland, Teilnahme an Erasmus+, e-twinning usw. Dadurch werden sie in hervorragender Weise auf unterschiedlichste sprachliche und kulturelle Kontexte vorbereitet.

Die DFGen haben mittlerweile eine große Erfahrung im Bereich der Mehrsprachigkeitsdidaktik erworben. Sie sind davon überzeugt, dass diese Erfahrung einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden muss mit dem Ziel, diese mit Frankreich und Deutschland, aber auch mit anderen europäischen Ländern zu teilen und weiterzuentwickeln. In einer zunehmend globalisierten Welt müssen Schülerinnen und Schüler neben den fachlichen, auch interkulturelle Kompetenzen erwerben und mehrsprachig werden.

Angesichts der Notwendigkeit, den Bekanntheitsgrad der DFGen und das Wissen um ihre besonderen pädagogischen und erzieherischen Qualitäten zu erhöhen, haben die drei Schulgemeinschaften gemeinsam eine „Charta“ der Deutsch-Französischen Gymnasien verfasst. Diese wird durch die jeweils individuellen Leitbilder jeder Einzelschule konkretisiert.

Die Charta beschreibt in vier Arbeitsachsen die von allen DFGen getragenen Leitlinien:

Mehrsprachigkeit und Interkulturalität

Mehrsprachigkeit und Interkulturalität

Die Schullaufbahn an den Deutsch-Französischen Gymnasien ist grundsätzlich mehrsprachig: Deutsch – Französisch – Englisch und  wahlweise Spanisch, Italienisch oder Latein als vierte, spät einsetzende Fremdsprache.

Die deutsch-französische Zweisprachigkeit und eine exzellente Beherrschung des Englischen als Lingua franca, sowie der Erwerb interkultureller Kompetenzen sind ideale Voraussetzungen für Mobilität und Erweiterung des beruflichen Aktionsradius‘ in einer globalisierten Welt, in der diese Fähigkeiten dringend gebraucht werden.

Die Deutsch-Französischen Gymnasien tragen dazu bei, dass pädagogische Konzepte entstehen, welche allen Schülerinnen und Schülern – unabhängig von ihren Erstsprachen – erlauben, eine anspruchsvolle mehrsprachige und interkulturelle Schullaufbahn erfolgreich zu bestehen. Über den von den Lehrplänen vorgesehenen Sprachunterricht hinaus werden die Erstsprachen und Herkunftskulturen aller Schülerinnen und Schüler berücksichtigt und wertgeschätzt.

Einerseits profitieren die Lernenden beim Erlernen neuer Sprachen von ihren bislang erworbenen Einblicken in Wortschatz und Strukturen bereits erlernter Sprachen. Andererseits erlaubt die Berücksichtigung und Wertschätzung unterschiedlicher Erstsprachen und Herkunftskulturen einem jeden, seinen legitimen Platz in einem multikulturellen Europa zu finden.

Gesellschaftliches europäisches Engagement

Gesellschaftliches europäisches Engagement

Die Idee, junge Menschen zu zukünftigen Europabürgern zu erziehen, die Sprache und Kultur des Nachbarlandes beherrschen, ist nach dem zweiten Weltkrieg im Zuge der Versöhnung und Annäherung Deutschlands und Frankreichs entstanden und im Elysée-Vertrag konkretisiert worden. Frankreich und Deutschland erklären in diesem Freundschaftsvertrag, dass nach über einem Jahrhundert der Feindseligkeit und der kriegerischen Auseinandersetzungen ein dauerhafter Friede nur garantiert werden kann, wenn die beiden Nachbarländer eng kooperieren und die europäischen Länder eine politische Union bilden.

Wenn zum Zeitpunkt der Gründung des ersten Deutsch-Französischen Gymnasiums noch die Versöhnung beider Länder und die Intensivierung der bilateralen Beziehungen im Vordergrund stand, so gehen die DFGen heute einen Schritt weiter: sie öffnen sich nach Europa und der Welt.

In der täglichen Arbeit mit unseren Schülerinnen und Schülern werden die demokratischen Werte der Toleranz, der Meinungsfreiheit und des gegenseitigen Respekts gelehrt und gelebt, auf dass die uns anvertrauten jungen Menschen engagierte Europabürger werden und den Zusammenhalt in Europa mitgestalten.

Wie es in dem unter der Schirmherrschaft der Europäischen Kommission entwickelten und 2017 in demokratischen Gesellschaften veröffentlichten Bericht „Erziehung zur Bürgerschaft an Schulen in Europa“ dargelegt ist, ermutigt die Erziehung zur engagierten Bürgerschaft die Schüler, aktive, informierte und verantwortungsbewusste Bürger zu werden, die in der Lage sind, Verantwortung in ihren Gruppen zu übernehmen, und dies auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene.

In diesem Sinne muss die Bildungspolitik in den DFGen junge Menschen in die Lage versetzen, effektiv und konstruktiv mit anderen zusammenzuarbeiten. Sie entwickeln dabei einen kritischen Geist, handeln verantwortungsbewusst und demokratisch in der Gesellschaft und leisten einen umfassenden Beitrag zur Bestimmung und zur Erreichung der Ziele hinsichtlich einer nachhaltigen, unseren Planeten für zukünftige Generationen bewahrenden Entwicklung.

Individualisierung der Lernprozesse

Personalisierung, Differenzierung und Individualisierung der Schullaufbahn, um den Erfolg im DFG zu gewährleisten

Die multikulturellen Bildungsteams der deutsch-französischen Einrichtungen berücksichtigen jeden Schüler und setzen alles daran, ihm zu ermöglichen, während seiner gesamten Schulzeit in einem wohlwollenden und anspruchsvollen Umfeld, das Beste von ihm hervorzukehren.

Um dies zu erreichen, zielen die pädagogischen Praktiken der Lehrer darauf ab, den Fortschritt und den Erfolg des Kindes zu würdigen und somit zur Entwicklung von Lernfreude, Motivation und Selbstwertgefühl beizutragen.

Wenn die Erfolge gewertet werden, wird das Recht auf Fehler anerkannt, damit der Schüler aus seinen Fehlern lernen kann.  

Der individuelle Schullaufbahn stützt sich auch auf die Differenzierung der Lehrmethoden; Phasen des Frontalunterrichts wechseln mit Phasen der Gruppenarbeit und schülerzentrierten Phasen ab.

Achtsamkeit & Wohlergehen

Achtsamkeit und Respekt im Umgang miteinander
Das Wohlergehen der Schulgemeinschaft

In einem binationalen und interkulturellen Kontext ist das Wohlergehen aller Mitglieder der Schulgemeinschaft ein entscheidender Faktor für den Erfolg und die Entfaltung der Schülerinnen und Schüler in der Schule als Ort der Sozialisierung und des Lernens.

In den Deutsch-Französischen Gymnasien begegnen sich Kinder und Jugendliche, Eltern, Lehrkräfte und Mitarbeiter verschiedener Nationalitäten und Kulturen. Diese Multikulturalität macht den besonderen Charakter dieser Schulen aus.

Wir fördern ein friedvolles Miteinander, einen achtsamen Umgang der Lehrkräfte mit den Schülerinnen und Schülern, die Ausgewogenheit von Fordern und Fördern, eine positive, transparente und das Selbstvertrauen stärkende Leistungsbewertung. All dies sind Faktoren, welche zum Wohlergehen unserer Schüler beitragen und ihre Selbstständigkeit und ihren Zusammenhalt fördern. Wir haben stets das Wohlergehen und die Gesundheit aller am Schulleben Beteiligten im Auge.

Dass Schülerinnen und Schüler in der Partnersprache mit muttersprachlichen Lehrkräften lernen und arbeiten und dabei unterschiedliche Bildungssysteme und methodisch-didaktische Herangehensweisen erleben, macht den Mehrwert der DFGen aus. Eine derartige Lernumgebung fördert auf authentische Weise die Anpassungsfähigkeit und die Toleranz der jungen Menschen.

Auch die Lehrkräfte beider Herkunftsländer tauschen sich untereinander aus, vergleichen ihre Methoden, bilden sich in spezifischen Fortbildungen weiter und kooperieren miteinander. Sie erwerben Sensibilität im Umgang mit jungen Menschen, die ihnen mit unterschiedlichen Voraussetzungen und internationaler Herkunft begegnen. Dies stellt eine Bereicherung ihres beruflichen Lebens dar.

Schließlich sind die Eltern unserer Schülerinnen und Schüler eine wichtige Säule unserer Schulgemeinschaft. Auch sie kommen aus unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Kontexten. Wer ein DFG für sein Kind auswählt, tut dies im Wissen, dass die Philosophie dieser Schulform auch von der Familie mitgetragen und mitgelebt werden muss. Es ist eine bewusste Entscheidung für die Werte, die wir teilen.

Beide Schulkulturen sind in unseren Einrichtungen in gleichberechtigter Weise repräsentiert und bereichern sich gegenseitig. Dies ist Grundlage und Quelle unserer kulturellen Offenheit und Toleranz, unserer gelebten Solidarität und unseres Engagements für die uns anvertrauten Schülerinnen und Schüler.